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Kunst

In Stein gemeißelt... Teil I

Warum hauen Menschen Bilder aus ihrem Kopf direkt in einen Stein? Warum bearbeiteten Menschen zu allen Zeiten die Steine ihrer Umgebung?
Schon seit längerem faszinieren mich die unvergänglichen Zeitzeugnisse unserer Vorfahren - von primitiven Ritzungen in Höhlenwänden über naiv anmutende Talismane, grob behauene Grabmale und filigran gearbeitete Ornamente - all das zieht mich an und reizt mich zum Nachdenken und Nachahmen. Aber kann man das überhaupt?
Kann man einen Stein "bearbeiten"? Kann man ihn "gestalten", das heißt: ihm nicht lediglich einige Schrammen oder Macken zufügen?
Man kann es!
Seit 2005 arbeite ich in einer "Sommerakademie" in einem ehemaligen Kloster an Steinen. Das ist mein Urlaub, mein Ausstieg aus dem flüchtigen Alltag.
© Anja-Maria
Es ist kein Erholungsurlaub: ich habe oft schmerzende Blasen an den Händen, durch das stundenlange Stehen, den Staub und die Hitze wird man schnell auf die letzten Kraftreserven zurückgeworfen, die Laune der Mit-Arbeitenden ist auch nicht immer rosig, und auch der Stein selbst scheint sich über lange Strecken dem Eisen zu widersetzen, sich immer dichter zu machen oder einfach unter dem Eisen wegzubröseln. Man erhält auch nicht immer das Ergebnis, das man sich zu Beginn erhofft hat - manchmal bekommt man aber auch etwas viel Besseres.

Eines meiner ersten Stücke war ein Talisman. Ich "schälte" aus einem Stück Stein eine grobe Figur heraus, ähnlich einem fest eingewickelten Eskimokind - ich hatte keine Intention, es kam einfach so zu dieser Figur. Da mir ein Gesicht fehl am Platz schien, versetzte ich dieser merkwürdigen Gestalt einfach eine scharfe Kontur in der Mitte des Kopfes, wodurch sie einen Charakter bekam, der mich an eine primitive Gottheit erinnerte, wie sie von nomadischen Völkern verehrt und angebetet wurde. Kein ausdrücklich guter oder böser Gott sollte es sein, aber ein mächtiger, mit einem bestimmten "Zuständigkeitsgebiet". Im vorchristlichen Orient gab es viele solcher "Götzen", ihnen wurde geopfert um Fruchtbarkeit, Wasser, Reichtum oder Gesundheit zu erbitten, um Flüche abzuwehren oder ähnliches mehr. Die Idee, selbst so einen "Götzen" zu machen, reizte mich sehr, und so erzählte ich abends meinen Mitstreitern davon.© Anja-Maria
Wir saßen noch lange beim Essen zusammen und spannen Geschichten von Göttern und Götzlein, und bald hatte ich ein Bild vor Augen: meine Figur sollte ein Schutzgott sein, symbolisiert durch die kompakte und gedrungene Form, ganz zurückgenommen auf das Wesentliche des "Geschützten". Das Volk, das in meiner Fantasie so einen Götzen mit sich führte, war natürlich auch auf den Schutz dieses mächtigen Talismans bedacht, und da es vor meinem inneren Auge ein Volk von Viehtreibern war, lag es nahe, den Talisman durch Felle zu schützen: vor Kälte und Hitze, vor Bruch und dämonische Einflüsse.
Am nächsten Morgen begann ich, die Steinfigur mit Schafwolle und Kernseife einzufilzen - es hat einen ganzen Tag gedauert, diesen Filz herzustellen, er war dick und fest, kein Feuer und kein Wasser hätte ihn zerstört. Am Gesicht schnitt ich die Wolle wieder ein, so dass der Talisman ein noch urtümlicheres Aussehen erhielt.
Als er fertig war, bekam er die restlichen Tage im Kloster einen kleinen Altar. (Bild rechts)

© Anja-MariaSpäter, bei mir im Garten, bezog er einen Platz unter einem Haselstrauch, wo ich ihn bewusst den Jahreszeiten und der Vegetation überließ. Auch das soll zu ihm gehören: entsprungen einer nicht real existierenden Kultur, einzig entstanden aus den rudimentären Überbleibseln der instinktiven Göttergläubigkeit einer "Neuzeitfrau", wird er so schnell seines Schutzes beraubt wie irgend möglich. Niemand opfert ihm, niemand achtet auf ihn, gelegentlich kommen Wildtiere und suchen unter dem Filz nach Insekten - und auch das wird bald Vergangenheit sein, denn das Tierhaar vergeht in wenigen Jahren. Was bleiben wird, ist der nackte Stein. (s. Bild links)


Vielleicht fragen sich Forscher der Zukunft, wie ein so unpassender, primitiver kleiner Schutzgott aus dieser Epoche in diese Gegend kommt, vielleicht wird aber auch niemals irgend jemand sein Antlitz wiedersehen, wenn er erst im Moder untergegangen ist... Wer weiß?
Mich hat diese Arbeit beidem näher gebracht: der Ewigkeit und der Vergänglichkeit, unbegreiflich und unheimlich zugleich.
Und nach solcherlei Arbeit gehe ich gestärkt in meinen Alltag zurück, brennende Fragen nach dem Wie und Warum geben für einige Zeit Ruhe, bis ich das nächste Mal am Stein stehe.


Anja-Maria, Oktober 2008
Fotos: © Anja-Maria

 

 

 

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