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Kunsthandwerk

Adventskränze in den Bundesländern -

Hessen: Bembelschekränzsche


... nennt man den Adventskranz in Hessen. Klar, dass dieser im ehem. Freistaat Preußen mit einem außerordentlich bodenständigen Erscheinungsbild daherkommt. Doch damit nicht genug, denn der Kranz muss nicht nur mit Optik glänzen, sondern auch eine Funktion erfüllen ...

Schon Römer und Griechen kannten die Apfelweinherstellung, wobei in Frankfurt erst um 1600 Nachweise schriftlich dokumentiert wurden. Ehemals ein Gelegenheitsgetränk minderer Qualität, welches sich lediglich in ärmeren Bevölkerungskreisen verbreitete und dort meist selbst hergestellt wurde, etablierte sich das "Stöffsche" erst Mitte des 19. Jahrhunderst als Frankfurter Traditionsgetränk. Klimaveränderungen, militärischen Verwüstungen (der trad. Weinbaugebiete) und der aus Amerika eingeschleppten Reblaus sei Dank!
Bekannterweise gehört der Apfelwein zu den Getränken, die erst nach dem 7. Glas zu schmecken beginnen. Deshalb macht natürlich das "Bembelschekränzsche" doppelt Sinn, denn das Arrangement muss

permanent erneuert bzw. aufgefrischt werden. Dies erklärt auch, weshalb die Hessen in der Vorweihnachtszeit stets mit knallroten Nasen durch die Gegend wanken.

Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten des Kranzes bleiben selbstverständlich jedem selbst überlassen. Unser Forumsmitglied Inggasche hat uns dann auch ein maßgebliches Beispiel postmoderner Konfiguration zusammengestellt. Man beachte z.B. den liebevoll drapierten Sauermilchkäse - auch "Handkäs" genannt. Auf den Adventskranz wird dieser natürlich ohne "Mussigg" (Marinade aus Öl, Essig, Salz, Pfeffer Kümmel und Zwiebeln) verbracht, da sich ansonsten seine Konsistenz bis Weihnachten nicht unerheblich verändern würde. Kümmel kann aber gerne als Verzierung aufgebracht werden, zumal sich damit die zwangsläufige Geruchsentwicklung etwas relativiert ...

Der vermeintliche Weihnachtsengel, welcher auf dem Bembel thront, rundet das Gesteck sehr gelungen ab und unterstreicht die jahreszeitliche Komponente sowie den gegebenen Anlass sehr eindrucksvoll. Allerdings kennt der hessische Ureinwohner gar keinen Weihnachtsengel, obwohl ihm speziell in dieser Jahreszeit des öfteren der eine oder andere erscheint. Nein, in Hessen nennt man dieses Figürchen "Bembelschefee" und man kauft dieses auch nicht einfach so im Laden, sondern findet es im Urlaub auf Gomera.

Die stilvolle Lichterkette macht jede weitere Zimmerbeleuchtung überflüssig, zumal das Arrangement somit - insbesondere zu später Stunde - weitaus zielsicherer gefunden werden kann. Was andernorts übrigens als Badematte dient, sieht man hier als weiteres neo-klassizistisches Dekoelement in nahtloser Harmonie verflochten. (Gemeinsamkeiten entdecken wir insofern nebenbei, als wir das gleiche Möbelhaus zu bervorzugen scheinen ...)

Keinen Spielraum hingegen hat man jedoch in der Auswahl der Gläser, denn erstens muss der Apfelwein im "gerippten" Glas kredenzt werden, und zweitens sind ausschließlich 0,3l-Gläser erlaubt. Insider wissen, dass in den traditionellen Apfelweinkneipen der Äbbelwoi keinesfalls in 0,25-Gläsern ausgeschenkt wird, da es sich hierbei um "Beschissergläser" handelt und man selbstredend keinen Volksaufstand riskieren will!

Alles in allem zeigt der hessische Beitrag, wie durch Verschmelzung von Tradition und Moderne und ohne großen Aufwand eine ganz neue Legierung entstehen kann. Ein Adventskranz, der Sinn und Sinnlichkeit vereint und welcher weihnachtliche Vorfreude (Apfelwein) mit Vergänglichkeit (Handkäs) konfrontiert. Die Unendlichkeit der Freude und die Endlichkeit allen Seins sind vereint und bilden gemeinsam ...

... eine Sinfonie aus Licht und Stöffsche!


Thomas Lawall - November 2009

Fotos: © Inggasche

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