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Garten

Ein Garten ohne Ende

Wer ein kleines Stück Land sein eigen nennt und die Natur nicht als Feind betrachtet, der wird früher oder später ins Grübeln kommen, ob es nicht eine gute Idee wäre, den brach liegenden Boden zu beackern. Dies bringt viele Vorteile mit sich: zum einen kann man frisches und gesundes, weil von Pestiziden freies Gemüse ernten. Zum anderen kann man selbst entscheiden, WELCHES Gemüse man gern essen würde (diese Wahlfreiheit lässt einem der durchschnittliche Supermarkt leider nicht mehr), und man kann zudem eine Menge Geld sparen. Zum dritten hat man mit einem Garten ein Hobby gewählt, das gleichermaßen Körper, Geist und Seele fit hält: man betätigt sich rund ums Jahr an der frischen Luft, lernt die Natur beobachten, eignet sich (Fach-)Wissen an und von Zeit zu Zeit gerät man auch ins träumen...
Menschen mit einem besonderen Anspruch an Ästhetik und die schöne Ordnung der Dinge werden gerade im Garten größte Zufriedenheit finden. All diese Argumente FÜR einen Gemüsegarten brachten auch mich dazu, mir vor zwei Jahren einen solchen anzulegen. Im Sommer 2006 bezog ich mit meinem Partner sein altes Elternhaus. Dies steht in einem kleinen Töpferdörfchen am Rande des Sollings, und der Erbauer des Hauses war ein sogenannter "Mondscheinbauer" - d.h. es gibt auch einen Viehstall und einen Obstgarten, sowie viel Platz für Gemüse und Holzfinnen. Sogar ein alter Traktor steht noch in der Scheune.

Uns war sofort klar, dass wir dieses kleine Anwesen wieder beleben wollten - und zwar mit Pflanzen und Tieren. Zunächst schafften wir noch im Sommer einige Hühner an, und im Herbst ging's dann an die Garten-Arbeit!
Wie macht man aus einer ungepflegten Wiese einen Garten?
Nun, zunächst überlegt man sich, wie der zukünftige Garten aussehen soll. Ich wollte das Gemüse in Kreisform anbauen, und ich kam darauf, weil ich eine den Boden schonende Form der Beackerung durchführen wollte: das Tiefkulturbeet. Für ein Tiefkulturbeet wird die Erde anfangs ZWEI Spaten tief umgegraben und mit Mist versetzt, danach sollte der Boden ein halbes Jahr ruhen, damit die Bodenlebewesen ihre Arbeit tun können. Man darf auf ein Tiefkulturbeet NIE WIEDER drauf treten, damit der Boden sich nicht verfestigt. Wie das? Ich überlegte hin und her und kam schließlich auf den Kreis: von der Mitte spiralförmig ausgehend kann ich fortan jedes Frühjahr den Boden leicht lockern. Im Herbst kann ich ebenso vorgehen, wenn ich Mist aufbringe.Das eigentliche Anlegen des Gartens ist eine schweißtreibende Angelegenheit: erst mal wird der Kreis ausgemessen und abgezirkelt. Dies tut man, indem man den Mittelpunkt festlegt und ihn mit einem Stück Holz oder der Grabegabel markiert.
Man befestigt den Spaten an einem ausreichend langen Seil, das andere Ende des Seils wird an die Grabegabel geknotet. So erhält man einen primitiven Zirkel - indem man den Spaten auf Zug hält, sticht man jetzt einmal rund um den Mittelpunkt. Der Kreis ist nun erkennbar - meiner hat acht Meter Durchmesser.
© Anja-Maria

Ich fand es sinnvoll und zugleich hübsch, den Mittelpunkt dauerhaft festzulegen - durch eine historische Rose und ein Rankgitter. Dieses dient mir jedes Jahr als Kreismittelpunkt, wenn ich die abgezirkelten Wege in die Erde trampeln will.

Als nächstes hieß es: Grasnarbe abtragen! Diese Arbeit erwies sich als die sprichwörtliche Arbeit für jene, "die Mutter und Vater totgeschlagen" haben: der Bewuchs war dicht und üppig und mit allerlei tief wurzelndem Kraut durchsetzt, so dass noch etliches im Boden verblieb, wollte man nicht gleich um 30 cm auskoffern.
© Anja-Maria

Nun musste noch der Boden gelockert und vorbereitet werden: Also, wie schon erwähnt, auf zwei Spaten tief lockern, danach eine dicke Schicht Sand aufbringen (wir erinnern uns: mein Garten liegt in einem TÖPFERdörfchen. Der Boden ist also stellenweise sehr lehmig-tonig, und das Wasser hat so keine Chance, gut abzusickern), darauf eine dicke Schicht Mist. Zur Krönung brachten wir damals noch etliche Liter verdünnte Jauche auf, da wir ohnehin die seit Jahren unbenutzte Jauchegrube leeren mussten. Dann hieß es: warten. Und zwar bis zum nächsten Frühjahr.

Im März 2007, die Sonne hatte schon einige Kraft gewonnen, staunte ich nicht schlecht, wie sich der Anblick des Gartens verändert hatte: vom Mist war kaum noch etwas zu sehen! Wir arbeiteten den Boden feinkrümelig auf, er war schon gut abgetrocknet, und ich stampfte mir einige Trampelpfade in den Kreis: dazu "viertelte" ich ihn, so dass man aus allen vier Himmelsrichtungen auf den Mittelpunkt zugehen konnte, ein weiterer Weg teilte die Viertel in größere Außen- und kleinere Innenbeete. Jedes Beet war nun so groß, dass man daran arbeiten konnte, ohne darauf zu treten (wegen der Tiefkultur).
Endlich konnten wir die ersten Samen ausbringen und beobachten, was passieren würde!
© Anja-Maria

Wir begannen mit Zwiebeln, Radieschen, Erbsen und Möhren in Mischkultur mit Borretsch und Ringelblumen, Ruccola und Hirschhornwegerich. Zwei Viertel erhielten einen Rand aus Erdbeerpflanzen.
Ein alter Sandkasten wurde zum Frühbeet umfunktioniert und beherbergte kleine Salatsetzlinge, Kohlrabipflanzen und Petersilie.

Nach den Eisheiligen gegen Ende Mai kann man auch frostempfindliche Pflanzen setzen; wir legten Bohnen und Kartoffeln, die nun aus der Erde schauten, außerdem hatte ich Lauch und Sellerie sowie Mais, Gurken und Zucchini im Haus vorgezogen - diese Pflanzen konnten nun ebenfalls ins Freie.
© Anja-Maria
Tomaten und Kürbisse passten leider nicht mit in den Kreis, so dass ich mir etwas anderes überlegen musste: Die Tomaten bekamen ein "Exil" an der südlichen Scheunenwand, die Kürbispflanzen setzte ich auf einen alten Komposthaufen, wo sie innerhalb von 2 Wochen vollständig von den Schnecken verzehrt wurden, die diese edle Speise gerne (aber ohne Dank) entgegen nahmen. Dankbar war einzig mein Liebster, der Kürbisse nur dann essen würde, wenn sie das letzte Gemüse auf Erden wären.
Zudem ist es bei uns hier stets recht windig, so dass empfindliche Pflanzen wie Tomaten lieber "mit dem Rücken zur Wand" stehen. (An den Wind musste auch ich mich erst gewöhnen - im ersten, eigentlich warmen Sommer auf unserem "neuen" Anwesen war ich gleich dreimal erkältet, weil ich im Sommerkleidchen durch den Kreis tobte).
© Anja-Maria
Bereits nach wenigen Wochen kann man das üppige Wachstum bestaunen! Es gibt schon einigens zu ernten: Radieschen und Ruccola, Rettiche und die ersten Erdbeeren...

Und im Hochsommer (Juli) ist es dann soweit: Haupterntezeit! Der Gurkenschwemme versucht mein Liebster mit regelmäßigen und unermüdlichen Einkoch-Events beizukommen - bisher erfolgreich.
© Anja-Maria
Ich liebe es, alles, was ich finde, ins Haus zu schleppen und daraus Überraschungs-Menüs zu zaubern!
© Anja-Maria
Ist es nicht herrlich, solch paradiesischen Früchte zu ernten?

Innerhalb des Gartens, gerade in der Nähe von Wurzelgemüsen, empfiehlt es sich, Tagetes (landläufig auch als "Studentenblume" bekannt), zwischen die Reihen zu pflanzen. Diese Blumen sondern über ihre Wurzeln einen Stoff in den Boden ab, der die kleinen "Äalchen" (kleine Würmer, die sich in alles hinein bohren) vertreibt. Auch die Tomaten bekommen einen solchen "Schädlings-Schutzwall" und sind darum gar nicht traurig, dass sie nicht im Kreis wachsen dürfen...
© Anja-Maria
Auch der Seele schenkt unser Garten reichlich Nahrung: wer einmal bei Sonnenaufgang in den von Tautropfen überglänzten, schimmernden Garten gegangen ist, weiß, wovon ich spreche.
© Anja-Maria
Und die schöne (An-)Ordnung der Gemüsesorten ordnet bei der Gartenarbeit auch das Hirn, das oft genug durch das Getöse der Welt durcheinander gerät...
© Anja-Maria
Ich möchte allen Mut machen, die schon immer von einem Garten geträumt haben, aber glauben, sich keinen zulegen zu können (aus Zeitmangel oder aus Angst vor Fehlern oder warum auch immer): versucht es einfach, die Natur reguliert sich letztendlich ohnehin selbst und verzeiht darum viele Fehler. Und sie kommt auch ohne unser ständiges Eingreifen zurecht. Einige wenige Handgriffe zur rechten Zeit, und der Garten beschenkt uns überreichlich! Außerdem erlebt man immer wieder spannende Garten-Geschichten. Manchmal glaubt man, eine Ernte sei unwiederbringlich verloren - und dann geschieht ein Wunder! Im ersten Herbst unserer Garten-Karriere gab es beispielsweise eine kleine Sintflut:
© Anja-Maria
Und was hat es ausgemacht? Gar nichts! Alles wuchs einfach weiter wie zuvor. Auch das kann demjenigen eine Lehre sein, der seinen Garten intensiv beobachtet: Einfach weitermachen. Was auch immer geschieht: es ist gut so, wie es ist.


Anja-Maria, Oktober 2008
Fotos: Anja-Maria

 

 

 

 

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