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Literatur

Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

von Axel Hacke


104 Seiten
© Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2016
www.kunstmann.de
ISBN 978-3-95614-118-8



Ideen, Phantasie und Vorstellungen hat jeder. Mehr oder weniger. Auch den Schöpfer stellt man sich gelegentlich vor. Es ist nun mal so, dass der Mensch sich, seit er ein Bewusstsein besitzt, zwangsläufig fragt, ja fragen muss, woher er kommt und wer denn eigentlich für sein Hiersein und das ganze Drumherum verantwortlich ist.

Nicht selten stellt man sich Gott als alten, bärtigen Mann vor. Nahe liegt deshalb der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn sich dieses Klischee plötzlich und unerwartet in Realität verwandeln würde. Wie würde es sein, wenn man diesem Mann begegnen würde? Was wäre, wenn es diesem Herrn gar nicht so gut geht, wie man vielleicht annehmen würde? Jahrmillionen alt, in Melancholie versunken, betrachtet er sein Werk und womöglich würde er diesmal formulieren, dass seine Schöpfung eben NICHT gut war.

Mit zunehmendem Alter ändern sich die Standpunkte und Einsichten. Es mag betrüben, wenn sich der freie Wille, auf den ersten Blick jedenfalls, als ein Fehlschlag herausstellt. Wobei die Grundidee nicht einmal schlecht erscheint. An der praktischen und vor allem an einer vernünftigen Umsetzung hapert es aber ganz gewaltig. Und das schon seit Jahrtausenden.

Jenes Szenario war wohl die Grundidee des Autoren. Der Schriftsteller und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung liebt es bekanntermaßen, sich kurz und auf das Wesentliche beschränkt auszudrücken. Eine gewisse Schwierigkeit bestand wohl deshalb darin, ein derart komplexes Thema anzugehen. In einem Interview bezeichnet sich Axel Hacke ja keineswegs als "Experte für Tausend-Seiten-Romane", sondern eher als "Kurzstreckler".

Es durfte dennoch etwas mehr als eine 80 Zeilen lange Kolumne werden, doch übertrieben hat es der Autor freilich auch nicht. Für die große Sache, die das Buch behandelt, ist es erstaunlich kompakt geworden. Das kommt auch dem Herrgott sehr entgegen, denn wirklich viel hat er nicht mitzuteilen. Er beschränkt sich ebenfalls gerne auf das Wesentliche.

Was nun die zentrale Aussage oder gar Botschaft des Herrn ist, an den Axel Hacke im richtigen Leben keineswegs glaubt, ist Leserinnen und Lesern überlassen, wobei dieses Rätsel im Prinzip gar keines ist. Und warum? Weil die Lösung so einfach ist, oder es zumindest wäre. Spätestens wird einem dies klar, wenn man jenes seltsame Wesen kennenlernt, welches sich im "Zentrum der Welt" aufhält ...

Weniger schwerwiegend und doch unangenehm kann es sein, wenn man sich nach 20 Milliarden Jahren mit Sodbrennen plagt. Das kann eben passieren, wenn man sich seine Schöpfung nun etwas genauer betrachten möchte und gewissen Genussmitteln frönt. Eher zufällig gestaltete sich wohl die Wahl des Münchner Glockenbachviertels als Ort seiner Inspektionen.

Das Buch streift das große Ganze und gleichzeitig das Nichts. Für Sinnsuchende sicherlich ein Tanz auf dem Seil. Es kann einerseits schockieren oder das Herz erwärmen, was ein Ungläubiger seinem "Schöpfer" entlocken kann. Er trauert um uns und um seine aus den Fugen geratene Welt, aber er beneidet uns auch.

"Egal", immer noch besser als seine ersten Entwürfe. Jene Schublade zum Beispiel oder die Welt mit den freundlichen Sekretärinnen. "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte" ist zeitgemäße Philosophie. Schwerwiegend und doch unverbindlich. Tiefgründiges, federleicht serviert.

 

Thomas Lawall - Dezember 2016

 

 

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